Was ist Notfallseelsorge?

erstellt von Christian Weber zuletzt verändert: 23.06.2009 17:11

In der heutigen Gesellschaft scheint vieles machbar, planbar und kontrollierbar. Die Bewältigung schwieriger Lebenssituationen wird vielfach als eine Frage des persönlichen Willens betrachtet und Gesundheit, Glück und Erfolg oft als berechenbare Lebensziele. Einschneidende, nicht planbare Erlebnisse wie Unfälle und plötzliche Todesfälle werden in unserer Gesellschaft, die so vieles im Griff zu haben vorgibt, als umso bedrohlicher erlebt.

Notfälle – Schnittstellen des Lebens

Oft entdecken Menschen erst in Krisensituationen, dass sie spirituelle Bedürfnisse haben. Notfallsituationen sind Schnittstellen des Lebens, an denen Sinn- und Wertfragen aufbrechen. Der eigene Lebensentwurf wird plötzlich in Frage gestellt, seine Verletzlichkeit wird bewusst. Schuld- und Theodizeefragen (Warum lässt Gott das Leiden zu?) können alles überschatten und die Lebenskraft absorbieren. Wie die «Kasseler Thesen» der Evangelischen Kirchen Deutschland (EKD) formulieren, nimmt «Seelsorge in Notfallsituationen ernst, dass bei den Menschen in existentiellen Extremsituationen die faktisch wirksamen religiösen und weltanschaulichen Prägungen offenbar werden».

Seelsorge – eine Kernkompetenz von Theologie und Kirche

Seelsorge gehört zu den Kernaufgaben der Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie erwerben diese Kompetenz mit dem Theologiestudium, in der praktischen Ausbildung und im beruflichen Alltag. Die Pflicht, Menschen in der Not beizustehen, ist eine uralte christliche Tradition. Seelsorge in Notfallsituationen gehörte daher schon immer zum Seelsorgeauftrag der Kirche und wird von der Bevölkerung als einer ihrer elementaren Dienste betrachtet. Pfarrerinnen und Pfarrer leisten mit der kirchlichen Notfallseelsorge einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag.

Notfallseelsorge – ein Teil der Notfalldienste

Früher wurde Notfallseelsorge hauptsächlich über den Einsatz der Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer geleistet, die jeweils von der Kantons- oder Gemeindepolizei direkt aufgeboten wurden. Neue Strukturen der Rettungsdienste, aber auch das wachsende gesellschaftliche Bewusstsein über die Wichtigkeit seelischer und psychologischer Betreuung in Notfallsituationen, erfordern strukturelle und organisatorische Anpassungen. Notfallseelsorge geschieht heute in enger Zusammenarbeit mit den Notfalldiensten, d.h. mit Polizei, Feuerwehr, Sanität sowie mit der Gerichtsmedizin.

Notfallseelsorge – ein Beitrag im Dienste der ganzen Bevölkerung

Die Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger des Kantons Zürich sind bereit, auch Angehörige anderer Religionen oder Menschen, die der Kirche fernstehen, zu betreuen. Auf diese Offenheit wird von allen Seiten grosser Wert gelegt. Der geschulte Notfallseelsorger erkennt auch Situationen, in denen andere Formen der Unterstützung gefragt sind. Wo die Nachfrage nach Seelsorgenden anderer Konfessionen oder Religionen ausgesprochen wird oder psychiatrische Hilfe nötig erscheint, geben sie die Verantwortung an entsprechende Stellen weiter. So können sich die Fachkräfte aus Psychologie und Theologie mit ihren Erfahrungen und Kompetenzen gegenseitig ergänzen und in Zusammenarbeit mit den Rettungsdiensten einen ganzheitlichen und umfassenden Beitrag zum Wohl der Bevölkerung leisten.

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